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Kooperationsprojekt Heimenkirch - Ghazzé

Verbesserung der Lebensqualität für Einheimische und Geflüchtete in Ghazzé, Libanon

Allgäuer kommunales Know-how für den Libanon

Markt Heimenkirch ist eine von inzwischen sechs Allgäuer Kommunen, die sich im Rahmen der kommunalen Entwicklungszusammenarbeit im Libanon engagieren - mit dem Ziel, über Projektkooperationen mit libanesischen Gemeinden die Lebensqualität sowohl von Einheimischen als auch Geflüchteten in der Region zu verbessern. Bereits Ende 2016 hatte Bundesentwicklungsminister Gerd Müller deutsche Städte und Gemeinden dazu aufgerufen, sich für die Geflüchteten des syrischen Bürgerkriegs zu engagieren - nicht nur in der eigenen Kommune zu Hause in Deutschland, sondern auch in den Nachbarländern Syriens. Besonders viele Menschen haben in den grenznahen Orten des Libanon Zuflucht gefunden. Die kleinen Landkommunen kommen jedoch durch den sprunghafen Bevölkerungszuwachs an ihre Kapazitätsgrenzen und sind nicht mehr in der Lage, eine ausreichende öffentliche Dienstleistungen für alle bereit zu stellen. Für Markus Reichart, Bürgermeister der kleinen Allgäuer Gemeinde Markt Heimenkirch war schnell klar: hier kann etwas bewegt werden. Nicht durch Spenden aus der Ferne, sondern über die Planung und Durchführung gemeinsamer Projekte - in enger Absprache und auf Augenhöhe mit Kommunalvertreterinnen und -vertretern vor Ort.

Kinder und Erwachsene laufen durch eine enge Zeltgasse in einem Flüchtlingslager.
Der kleine Ort Ghazzé an der Grenze zu Syrien hat mehr als 30.000 Geflüchtete aufgenommen. Foto: Engagement Global
Blick in einen voll besetzten Gemeindesaal. Eine Frau mit Mikrofon steht vo einer Präsentation.
Die Initiative „Kommunales Know-how für Nahost“ von Engagement Global informiert über Unterstützungsmöglichkeiten für die Projektpartnerschaften zwischen den Kommunen aus dem Allgäu und dem Libanon. Foto: Engagement Global

Von der Kooperationsidee zum Projekt

Auch die Nachbarkommunen Amtzell, Gestratz, Hergatz und Opfenbach zeigten Interesse an einem Engagement im libanesischen Grenzgebiet. Auf einer Informationsveranstaltung durch die Servicestelle Kommunen in der Einen Welt im Allgäu konnten wichtige Fragen zu inhaltlichen und finanziellen Unterstützungsmöglichkeiten geklärt werden. So reiste im November 2017 eine erste Allgäuer Delegation mit 15 kommunalen Vertreterinnen und -vertretern in den Libanon, um sich vor Ort ein Bild von der Flüchtlingssituation zu machen und erste Kontakte zu knüpfen. Ein libanesischer Gegenbesuch im Allgäu erfolgte im Mai 2018. Über die gegenseitigen Besuche und persönlichen Kontakte konnte auf beiden Seiten viel Vertrauen gewonnen werden. Markt Heimenkirch beschloss, eine Projektpartnerschaft mit der libanesischen Gemeinde Ghazzé einzugehen. Im September 2018 machte sich eine Heimenkirchener Delegation erneut auf die Reise in den Libanon und definierte zusammen mit dem Gemeinderat von Ghazzé und mit anderen bereits vor Ort engagierten Akteuren eine konkrete Projektidee: die Instandsetzung und Verbesserung der Infrastruktur des öffentlichen Parks von Ghazzé als Aufenthaltsort für Einheimische und Geflüchtete.

Hintergrund

Ghazzé und das Bekaa-Tal - Zufluchtsort für Geflüchtete aus Syrien

Ghazzé liegt im westlichen Teil des libanesischen Bekaa-Tals, etwa 40 km von der syrischen Hauptstadt Damaskus entfernt. Vor Beginn des Syrienkriegs lebten hier rund 6.500 Einwohnerinnen und Einwohner, die ihr Einkommen hauptsächlich in der Landwirtschaft und in Kleinunternehmen fanden. Seit 2012 ist Ghazzé Zufluchtsort für mehr als 30.000 geflüchtete Menschen aus Syrien. Kaum die Hälfte von ihnen hat ein festes Dach über dem Kopf gefunden - ein großer Teil der Geflüchteten lebt in informellen Zeltsiedlungen unter prekären Bedingungen. Der rasante Bevölkerungszuwachs, das ungeplante Ausufern des Siedlungsgefüges und die Überlastung der kommunalen Infrastruktur stellen die Kommune Ghazzé vor riesige und aus eigener Kraft kaum zu bewältigende Herausforderungen. Eine Basis-Nothilfe versorgt die Geflüchteten mit Nahrung und Wasser, doch die Gemeindeverwaltung ist mit der Planung und Bereitstellung von wichtigen kommunalen Leistungen wie einem funktionierendem Wasser- und Abwassersystem oder einer geordneten Abfallwirtschaft für so viele Menschen überfordert. So wie in Ghazzé zeigt sich die Lage in vielen grenznahen libanesischen Gemeinden.

 

Ghazzé im Bekaa-Tal. Die Gebirgszüge im Hintergrund liegen bereits auf syrischem Gebiet. Foto: Engagement Global

Ein Park für alle!

Auf ihren etwa sechs Hektar großen Park mit Kultur- und Sportstätten sind die Einwohnerinnen und Einwohner von Ghazzé stolz. Er war erst 2004 angelegt worden - finanziert vor allem mit Spenden von Einheimischen, die für eine Zeit im Ausland gelebt hatten. Während des ersten Phase des Zuzugs der Geflüchteten aus Syrien wurde der Park aufgrund fehlender Infrastruktur für die Neuankommenden jedoch auch als Übernachtungsstätte genutzt. Davon hat sich die öffentliche Grünanlage bis heute nicht erholt und ist unattraktiv geworden. Was nicht funktionsfähig und gepflegt ist, wird heute weder von den alteingesessenen Bewohnerinnen und Bewohner noch von den Geflüchteten wertgeschätzt.
Auf Wunsch des Gemeinderates von Ghazzé hatte eine vor Ort aktive niederländische Organisation bereits Pläne für das „Projekt Bürgerpark“ entwickelt, das vorsieht, den Park als Begegnungsort sowohl für Einheimische als auch für die Geflüchteten umzugestalten. Hier konnte die Gemeinde Markt Heimenkirch mit einem Teilprojekt aktiv miteinsteigen. Gemeinsam mit libanesischen Landschaftsplanern wurden bereits konkrete Projektideen für ein Entwässerungssystem entwickelt. Zudem sollen duch das Anpflanzen von Bäumen neue beschattete Picknickplätze entstehen.

Eine Gruppe aus etwa 15 Frauen und Männern steht auf einer Grünfläche. Im Hintergrund sind Palmen und ein Gebirgszug zu erkennen.
Der öffentliche Park von Ghazzé soll Einheimischen und Geflüchteten gleichermaßen zur Verfügung stehen und zum Ort der Begegnung werden. Foto: Engagement Global
Blick in einen Arbeitsraum. 10 Personen sitzen in an in U-Form arrangierten Tischen.
Team the Teamer: Junge Erwachsene aus dem Libanon und dem Allgäu werden gemeinsam als Jugendleiterinnen und -leiter qualifiziert. Foto: Markus Reichart

Zwischenbilanz: es gibt noch viele Möglichkeiten, das Engagement zu vertiefen

Obwohl das Parkprojekt im Laufe des Jahres 2019 aufgrund der machmal schwierigen Kommunikation etwas ins Stocken geriet, ist die Motivation etwas zu bewegen in Markt Heimenkirch weiterhin groß. Das Parkprojekt soll in 2020 mit dem Anlegen des Teichs und der Installierung des Entwässerungssystems fortgeführt werden. Außerdem beschloss die Kommune, sich in einem weiteren Kooperationsprojekt zu engagieren. Bei den vorangegangenen Sondierungsreisen war ihnen aufgefallen, dass es für die geflüchteten Kinder und Jugendlichen kaum Bildungs- und Freizeitangebote gibt.
Zusammen mit der Gemeinde Babenhausen wurde 2019 ein zusätzliches Schnellstarterpaket I beantragt, um mit „Team the Teamer“ ein Jugendbildungsprojekt auf die Beine zu stellen. In zwei gemeinsamen Workshops werden junge Erwachsene aus dem Allgäu und aus dem Libanon als Jugendleiterinnen und -leiter qualifiziert. Eins der Seminare fand im Dezember 2019 im Jugendbildungswerk Babenhausen statt.

Ausblick

Kommunale Zusammanarbeit Allgäu - Libanon

Doch auch im Allgäu findet kommunale Zusammenarbeit statt. Zu den anfänglich fünf Kommunen ist mit Kißlegg eine sechste dazu gekommen, zwei weitere sind interessiert. Gemeinsam haben sich die Gemeinden seit 2018 im interkommunalen Libanon-Ausschuss vernetzt. Bei ihren regelmäßigen Treffen bleiben die Verantwortlichen kontinuierlich im Gespräch - Neu-Interessierte können dazu kommen und erleben, wie Entwicklungszusammenarbeit auf Augenhöhe funktioniert. 2020 wird Markt Heimenkirch turnusgemäß den Ausschussvorsitz übernehmen. Bürgermeister Markus Reichart ist zuversichtlich!

 

Neun Personen sitzen auf niederigen Sesseln und einem Sofa um einen Tisch herum und diskutieren.
Im Gespräch bleiben! Auch wenn in der Projektarbeit gelegentlich Hürden zu überwinden sind, hilft der regelmäßige Austausch unter den Projektbeteiligten. Foto: Engagement Global

Kontakt

Markus Reichart
Erster Bürgermeister Markt Heimenkirch
Telefon:+49 8381 805-10
E-Mail: markus.reichart@heimenkirch.de