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Projektpartnerschaft Erlangen - Bkeftine

Die „Waha Farm“ als inklusiver Ort der Begegnung

Ein erfolgreiches Beispiel inklusiver kommunaler Entwicklungszusammenarbeit

In der Kommunalen Entwicklungspolitik übernehmen viele deutsche Kommunen Verantwortung für globale Anliegen. So auch die Stadt Erlangen, die seit 2018 mit der nordlibanesischen Kommune Bkeftine eine Projektpartnerschaft zum Thema Inklusion pflegt. Mit Hinblick auf die Agenda 2030 und ihrer 17 globalen Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals) und insbesondere SDG Nummer 4, das einen Zugang zu hochwertiger Bildung auch für Menschen mit Behinderung fordert, setzen sich die Projektpartnerinnen und -partner für eine Verbesserung der Situation von Menschen mit geistiger Behinderung in Bkeftine und Umgebung und für die Förderung der Inklusion von Menschen mit Behinderung in die libanesische Gesellschaft ein. Neben Kommunalvertreterinnen und -vertretern aus Erlangen und Bkeftine sind auch die Lebenshilfe Erlangen, die Erlanger Jugendfarm und auf libanesischer Seite die Organisation Wahat Al-Farah an der Kooperation beteiligt.

Zwei Männer und sechs Frauen sitzen um einen Tisch herum und besprechen sich.
Im Juli 2018 reiste eine Delegation aus Erlangen in den Libanon. In der Einrichtung Wahat-al-Farah in Bkeftine kamen alle schnell miteinander ins Gespräch. Foto: Stadt Erlangen
Hintergrund

Aufnahmeland Libanon: Schwierige Verhältnisse für Menschen mit Behinderung

Der Libanon ist seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs 2011 eines der drei wichtigsten Erstaufnahmeländer syrischer Geflüchteter. Kein anderes Land hat im Verhältnis zu seiner Einwohnerzahl so viele Syrerinnen und Syrer aufgenommen. Rund ein Viertel der im Libanon lebenden Menschen stammt aus dem kriegsgeschüttelten Nachbarland. Die kleine nordlibanesische Kommune Bkeftine hat etwa 1.200 Einwohnerinnen und Einwohner. Hinzu kommen - saisonbedingt schwankend - zwischen 266 und 745 Geflüchtete aus Syrien.

Aufgrund der prekären wirtschaftlichen Situation des Landes und aufgrund der vielfältigen Herausforderungen, die der Libanon auf nationaler und kommunaler Ebene zu bewältigen hat, um die Basis-Daseinsvorsorge von Einheimischen und Geflüchteten zu sichern, rücken die Belange von Menschen mit Behinderung in den Hintergrund und erfahren kaum öffentliche Zuwendung und Aufmerksamkeit. Hier setzt das Kooperationsprojekt zwischen Erlangen und Bkeftine an, das durch die Initative „Kommunales Know-how für Nahost“ gefördert und unterstützt wird.

 

Straßenschild mit der Aufschrift Bienvenue à Bkeftine und arabischen Schriftzeichen.
Schnellstarterpaket I

Erste Begegnungen, Fachaustausch und Wissenstransfer

Zwei Frauen und zwei Männer stehen vor dem Eingang der Jugendfarm. Foto: Stadt Erlangen
Drei Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der libanesischen Einrichtung Wahat Al-Farah hospitierten im August und September 2018 auf der Umweltstation Jugendfarm Erlangen. Foto: Stadt Erlangen

In der ersten Projektphase 2018 lernten sich die Projektbeteiligten bei gegenseitigen Besuchen zunächst kennen. Im Juli des Jahres reiste eine Delegation aus Erlangen in den Libanon und besuchte die Kommune Bkeftine und die Einrichtung Wahat Al-Farah. Die Nichtregierungsorganisation Wahat-Al-Farah bietet mit ihrer Einrichtung Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Behinderung eine berufliche Perspektive durch Ausbildung und Arbeitsmöglichkeiten in ihren Werkstätten. Die Mitgereisten aus Deutschland waren beeindruckt von dem hohen Niveau der Betreuung und dem hervorragend ausgebildeten Personal. Sehr schnell war klar, dass sich die Pädagoginnen und Pädagogen fachlich auf Augenhöhe begegnen.

Im Mittelpunkt des Austauschs stand die Diskussion über die Ziele der Partnerschaft und der inhaltlichen Schwerpunkte während der gemeinsamen Projektarbeit. Wichtiges Anliegen für beide Seiten ist das Thema Bewusstseinsbildung für die Rechte und Belange von Menschen mit Behinderung, denn in der libanesischen Gesellschaft werden diese meist nicht wahrgenommen.

Hospitationsaufenthalt in Erlangen

Sehr schnell stellte sich auch heraus, dass ein Wissenstransfer zur tiergestützten inklusiven Kinder- und Jugendarbeit auf großes Interesse der libanesischen Partnerinnen und Partner stieß. Dieser pädagogische Ansatz ist im Libanon nahezu unbekannt, könnte jedoch eine gute Ergänzung sein zum bisherigen Angebot von Wahat-Al-Farah, da Menschen mit Autismus und mit anderen non-verbalen Behinderungen besonders von einer tiergestützten Pädagogik profitieren können.

Die deutsche Delegation lud daraufhin drei Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu einem Aufenthalt nach Erlangen ein. Ende August und Anfang September 2018 lernten sie das Konzept der inklusiven tiergestützten Pädagogik sowie erlebnis- und umweltpädagogische Arbeitsansätze im Rahmen einer Hospitation auf der Umweltstation Jugendfarm e.V. in Erlangen hautnah kennen. Auf dem Programm standen außerdem eine Reihe von Arbeitstreffen mit den anderen Projektbeteiligten, bei denen die Ziele und Visionen der Kooperation weiter konkretisiert werden konnten.

Zwei Hände halten ein Blatt Papier mit einer Textcollage. Foto: Stadt Erlangen
Der Hospitationsaufenthalt von drei Pädagoginnen und Pädagogen aus Wahat-Al-Farah stand im Mittelpunkt der ersten Projektphase. Die drei konnten wichtige Erfahrungen für ihre Arbeit mit nach Hause nehmen. Foto: Stadt Erlangen
Schnellstarterpaket II

Eine Jugendfarm für Bkeftine

Sieben Kinder und sechs Erwachsene posieren zum Gruppenfoto in einem Klassenraum. Foto: Stadt Erlangen
Besuch der Erlangener Delegation mit Oberbürgermeister Dr. Florian Janik (Mitte) in der Schule von Wahat Al-Farah im September 2019. Foto: Stadt Erlangen

Im nächsten Schritt möchten die Kooperationspartnerinnen und -partner nun bis Ende 2021 mit Unterstützung des Schnellstarterpakets II der Initiative „Kommunales Know-how für Nahost“ nach dem Vorbild der Erlanger Jugendfarm eine ähnliche Einrichtung - genannt „Waha Farm“ - in Bkeftine bauen. Die Erlebnisfarm für Kinder und Jugendliche soll an die lokalen Gegebenheiten und Bedürfnisse angepasst werden. Dies gilt sowohl für die Architektur der Anlage und die Auswahl der Tiere als auch für die Programmgestaltung.

Bei einem weiteren Fachaustausch im September 2019 wurden offene Fragen geklärt, Pläne geprüft und wichtige Anpassungen sowie das weitere Vorgehen besprochen. Neben den Baumaßnahmen und der Ausstattung der Waha-Farm sieht das Projekt eine Reihe von Maßnahmen und Aktivitäten vor, um den notwendigen Know-how-Transfer für den Einsatz der tiergestützten Pädagogik zu gewährleisten und die Einrichtung bekannt zu machen.

Ausblick

Inklusionsangebote auch für Geflüchtete aus Syrien

Die geplante Waha-Farm soll das Betreuungs- und Beschäftigungsangebot für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit geistiger Behinderung in der Region um Bkeftine verbessern und richtet sich ausdrücklich auch an syrische Geflüchtete mit Behinderung. Zusätzlich soll die Farm als Ort der Begegnung für alle offen sein - also auch für Menschen ohne Behinderung oder ohne Fluchterfahrung. Langfristig erhoffen sich damit die Projektbeteiligten einen Ort der gelebten Inklusion, der weit in die libanesische Gesellschaft ausstrahlt.

 

Gruppenfoto im Garten.
Große Zuversicht bei allen Beteiligten. Mit Unterstützung durch das Schnellstarterpaket II der Initiative „Kommunales Know-how für Nahost“ soll bald die inklusive Waha-Farm realisiert werden. Foto: Stadt Erlangen

Kontakt

Dr. Florian Janik
Oberbürgermeister der Stadt Erlangen

Tobias Ott
Büro für Chancengleichheit und Vielfalt / Internationale Beziehungen
Telefon:+49 9131 86-1352
E-Mail: tobias.ott@stadt.erlangen.de