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Fachinformationsreise Libanon 31. März bis 6. April 2019

Verbesserung kommunaler Infrastruktur für Einheimische und Geflüchtete durch Projektpartnerschaften

Syrische Geflüchtete machen heute schon ein Viertel der Gesamtbevölkerung des Libanons aus. Da Einheimische und Geflüchtete dieselben öffentlichen Dienstleistungen, dasselbe Bildungs- und Gesundheitssystem und dieselbe Infrastruktur nutzen, kommen die libanesischen Aufnahmekommunen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.
Die Initiative "Kommunales Know-how für Nahost" (IKKN) bringt deutsche und libanesische Kommunen zusammen, um über Partnerschaften konkrete Projekte zur Verbesserung der überlasteten kommunalen Infrastruktur anzustoßen und erfolgreich durchzuführen.

Vom 31. März bis 6. April 2019 reiste eine deutsche Delegation mit sieben kommunalen Fachleuten unterschiedlicher Fachgebiete aus Straubing, Kirchhundem und vom Netzwerk Innenstadt NRW in den Libanon, um mit im Vorfeld von der IKKN identifizierten Aufnahmekommunen Kontakte zu knüpfen. Gemeinsam mit den Gesprächspartnerinnen und -partnern vor Ort sollten Möglichkeiten für Projektpartnerschaften ausgelotet werden.

Die Gruppe der Teilnehmenden überquert eine Straße. Im Hintergrund ist ein mehrstöckiges Gebäude zu sehen.
Auf ihrer Fachinformationsreise knüpften die deutschen Fachleute Kontakte in mehreren libanesischen Kommunen. Foto: Engagement Global

Kontakt aufnehmen, Eindrücke reflektieren, Partnerschaftsideen schmieden

Gruppenfoto der neunköpfigen Delegation in einem verglasten Büro. Im Hintergrund die deutsche und die libanesische Fahne.
Empfang der Delegation in der Deutschen Botschaft in Beirut. Foto: Engagement Global

Eine Woche hatten die deutschen Fachleute Zeit, sich ein Bild von den Verhältnissen vor Ort zu machen. Nach einem Empfang in der deutschen Botschaft in Beirut und einem Sicherheitsbriefing zum Auftakt standen weitere Gesprächstermine in der Hauptstadt sowie Exkursionen in kleinere Kommunen in anderen Landesteilen auf dem Programm. Da die kommunalen Expertinnen und Experten für ihre zukünftigen Projektpartnerschaften unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte besetzen, teilte sich die Gruppe an einigen Tagen auf und nahm verschiedene Termine wahr. Zum Abschluss der informationsreichen Woche konnten die Teilnehmenden in einem ganztägigen Workshop ihre Eindrücke und Erfahrungen reflektieren, Schwerpunkte für eine zukünftige Zusammenarbeit herausarbeiten und erste Projektideen formulieren.

Straubing

Projektfokus Wasser

Für die vier Teilnehmenden der Straubinger Delegation stand das Thema Wasser im Zentrum des Interesses. Die Expertinnen und Experten des kommunalen Unternehmen SER (Straubinger Entwässerung und Reinigung) und des Tiefbauamts hatten sich vorgenommen, Möglichkeiten für Projektpartnerschaften im Bereich Wasserversorgung, Abwasseraufbereitung und Energiegewinnung aus Klärschlamm auszuloten.

 

Im Laufe der Woche reiste die Gruppe nach Rmeich, einer Kleinstadt an der Grenze zu Israel, und nach Douris in der Bekaa-Ebene, in der sich besonders viele Geflüchtete aus Syrien unter oft prekären Lebensumständen angesiedelt haben. Gerade in den informellen Siedlungen mangelt es an einer Versorgung mit frischem Trinkwasser und einer Lösung für den Umgang mit Abwässern.

Im Abschlussworkshop fasste die Delegation aus Straubing folgenden Plan: In Rmeich soll zunächst eine Projektgruppe gebildet werden, um die Bedarfe der Trinkwasserversorgung und Brauchwasserentsorgung und die Interessen der verschiedenen Akteurinnen und Akteure genauer abzustimmen und dann zu schauen, mit wem eine Projektkooperation möglich ist. Für die kommunale Zusammenarbeit in der Bekaa-Ebene kristallisierte sich ein Projektschwerpunkt im Bereich der Trinkwasserversorgung heraus. Um Jugendlichen aus dieser Gegend Perspektiven für die Zukunft zu eröffnen, sprach sich die Delegation zusätzlich für eine Bildungskooperation aus.

Blick über eine weite Landschaft mit verstreuten Flüchtlingsunterkünften
In der fruchtbaren Bekaa-Ebene bei Douris prägen provisorische Flüchtlingsunterkünfte die Landschaft. Foto: Engagement Global
Kirchhundem und Netzwerk Innenstadt NRW

Projektfokus Umweltschutz und lokale Wirtschaftsförderung

Für die Teilnehmenden des Netzwerks Innenstadt NRW und aus Kirchhundem standen Besuche in Hebbarieh und in Al Quaa auf dem Wochenprogramm. Hier war die Bandbreite der thematischen Schwerpunkte für mögliche Kooperationen weiter gefasst: von Abfallmanagement und erneuerbaren Energien bis hin zur Förderung der lokalen Wirtschaft und des Tourismus. Dabei traf die Delegation zwei ganz unterschiedliche Situationen an:

 

Müllsammelplatz in einer Bergregion
Abfallmanagement ist im Libanon ein drängendes Thema. Hier eine Sammelstelle für Kunststoffflaschen in der Nähe von Al Quaa. Foto: Engagement Global

Die Gesprächspartner in Hebbarieh wünschten sich Unterstützung in verschiedenen Bereichen, um die schwierige Situation der Bevölkerung durch die Zusammenarbeit mit deutschen Kommunen zu verbessern. Um die lokalen Kompetenzen, Ressourcen und Bedarfe systematisch zu erfassen, regten die deutschen Teilnehmenden auf dem Abschlussworkshop an, mit Hebbarieh zuerst im Bereich Wissensaustausch und Organisationsentwicklung zu arbeiten, um die Grundlagen für eine Kooperation mit Kommunalvertreterinnen und –vertretern aus Hebbarieh zu stärken und dann im zweiten Schritt konkretere Pläne für eine Projektpartnerschaft zu entwickeln. Eine Zusammenarbeit im Bereich des Abfallmanagements wird geprüft.

In Al Qaa traf die Delegation auf bereits etablierte Projektstrukturen. Die Teilnehmenden besuchten Projekte zur Vermarktung lokaler Produkte, zur Verbesserung der Infrastruktur und zur Tourismusförderung, die von verschiedenen Gebern mitfinanziert werden. Ein Ansatzpunkt für die zukünftige Kooperation kann sein, ein Gesamtkonzept für eine nachhaltige Entwicklungsplanung und Finanzierung zu erarbeiten, um die Kommune dabei zu unterstützen, verstärkt selber eigene Themenschwerpunkte zu setzen und proaktiv auf Geber zuzugehen.

Projektfokus Stadt- und Quartiersentwicklung

Gemeinsam besuchte die Gruppe am letzten Exkursionstag noch die großstädtische Kommune Bourj Hammoud. In diesem ursprünglich armenisch geprägten Vorort Beiruts leben 150.000 Menschen. Die Stadt wirkt multikulturell, lebendig und gilt als beliebtes Einkaufsviertel. Einige vorbildliche Projekte im Bereich Stadt- und Quartiersentwicklung konnten hier schon erfolgreich umgesetzt werden. Beispiele für den sozialen Wohnungsbau und Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensqualität wie die Anlage von Sportstätten und Grünanlagen sind einzigartig im Libanon und fördern das Zusammenleben von Einheimischen und Geflüchteten. Die Kommune möchte den eingeschlagenen Weg weitergehen und Projektpartnerschaften mit deutschen Städten nutzen, um Know-how und capacity building im Bereich des Quartiersmanagement vor Ort einzusetzen.

Ein Spielplatz mit Bänken und Spielgeräten. Bäume spenden Schatten.
Die Kommune Bourj Hammoud hat bereits erfolgreiche Maßnahmen zur Wohnumfeldverbesserung durchgeführt. Grünanlagen und Spielplätze fördern das Miteinander von Einheimischen und Geflüchteten. Foto: Engagement Global
Fazit

Diskussionen werden fortgeführt

Am Ende der Woche waren die deutschen Kommunalexpertinnen und -experten sehr beeindruckt von den Maßnahmen, die die libanesischen Kommunen mit begrenzten Mitteln bereits auf die Beine gestellt haben, um die Geflüchteten einigermaßen menschenwürdig unterzubringen und zu versorgen. Sie sahen allerdings auch, wie die ohnehin prekäre kommunale Infrastruktur durch die Ankunft der Geflüchteten noch weiter unter Druck gerät und teilweise bereits in ihrer Funktionsfähigkeit beeinträchtigt ist. Um den Prozess der Zusammenarbeit auf Augenhöhe zu fördern, überlegen die Teilnehmenden aus Straubing und vom Netzwerk Innenstadt NRW, Vertreterinnen und Vertreter aus den besuchten libanesischen Kommunen nach Deutschland einzuladen, um hier ihre eigene Projekte vorzustellen und die im Libanon begonnenen Diskussionen weiterzuführen.

Türkei, Jordanien, Libanon

Beispiele für erfolgreiche kommunale Partnerschaftsprojekte