skip to main content
Porträt der Modellkommune Maintal

Eine Bereicherung für beide Seiten: Syrische Geflüchtete in der Kommunalverwaltung von Maintal

Kulturlandschaft mit kultureller Vielfalt

Maintal liegt mitten im Herzen der Metropolregion Rhein-Main. Es ist urban und gleichzeitig ländlich, geprägt von einer alten Kulturlandschaft am Main. Das Logo von Maintal vereint die drei Elemente Stadt, Land und Fluss. Sie stehen für die Vielfalt der Stadt mit ihren rund 40.000 Einwohnern und für ein gesellschaftliches Klima, in dem viel in Bewegung ist. Maintal hat eine rege Zivilgesellschaft, die neue Herausforderungen schnell annimmt.

Das galt in besonderer Weise, als im Jahr 2015 Geflüchtete aus Syrien und anderen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens nach Maintal kamen. Der 2013 gegründete „Arbeitskreis Asyl“ übernahm kurzfristig die erste Betreuung der ankommenden Geflüchteten. Dabei konnte er bereits auf Erfahrungen aus den 1990er Jahren zurückgreifen, als Menschen aus dem Bosnienkrieg in die Stadt gekommen waren.

2015 hatten zwar bereits rund 30 Prozent der Maintalerinnen und Maintaler einen Migrationshintergrund. Dennoch bedeutete die Ankunft vieler Geflüchteter binnen kurzer Zeit eine neue Erfahrung für die Stadt. Für Bürgermeisterin Monika Böttcher war klar, dass die Stadt etwas tun muss, um den neuen Einwohnerinnen und Einwohnern einerseits Chancen zur Integration zu bieten und sie gleichzeitig besser kennenzulernen. 

Logo von Maintal mit symbolisierten Stadt, Fluss, Land
Logo von Maintal. Foto: Stadt Maintal
Gruppenbild mit Bürgermeisterin Monika Böttcher und Integrationsbeauftragte Verena Strub und den beiden neuen Mitarbeitenden
Bürgermeisterin Monika Böttcher (1.v.r) und Integrationsbeauftragte Verena Strub (2.v.l.) begrüßen die beiden neuen Mitarbeitenden. Foto: Stadt Maintal

Zwei Praktikumsplätze für syrische Geflüchtete

Maintal bewarb sich daher bei der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt als Modellkommune im Projekt „Qualifizierung von syrischen Geflüchteten in deutschen Kommunalverwaltungen“ der Initiative „Kommunales Know-how für Nahost“. Das Projekt bietet Menschen aus Syrien im Rahmen eines Verwaltungspraktikums die Möglichkeit, wichtige Kenntnisse rund um Verwaltungsabläufe und demokratische Entscheidungsprozesse in Deutschland zu erwerben. Ziel ist die Vorbereitung von Geflüchteten auf eine Mitwirkung am zukünftigen Wiederaufbau von Kommunalstrukturen in Syrien. Als eine von bundesweit sieben Modellkommunen stellte die Stadt Maintal zwei Praktikumsplätze für syrische Geflüchtete zur Verfügung. Eine Syrerin und ein Syrer erhalten durch das Praktikum Einblick in die Arbeit der städtischen Behörden. Für die Verwaltung bietet sich die Chance, sich weiter interkulturell zu öffnen.

Nach ersten Informationsveranstaltungen über grundlegende Fragen von Demokratie und Teilhabe auf lokaler Ebene konnten Bayan Almarashli, 22 Jahre alt, und Ahmed Al Hamoud, 28, bei ihrer Bewerbung mit ihren guten Deutschkenntnissen, ihrer Wissbegier und einer engagierten Herangehensweise punkten. Im September 2018 haben sie ihr Praktikum begonnen.

„Ich finde es wichtig, die Kommune, in der ich lebe, kennenzulernen.“, antwortete Bayan Almarashli auf die Frage, warum sie sich beworben hat. Ihr syrisches Abitur wurde in Deutschland als Realschulabschluss anerkannt.

Für Ahmed Al Hamoud, der vor seiner Flucht bereits Jura studiert hat, kam das Angebot der Stadt Maintal gerade richtig. „Ich habe mich gleich beworben, weil ich gerne mit Gesetzestexten arbeite und wissen wollte, wie eine Kommune in Deutschland funktioniert.“

Finanzen, Beteiligungen, Steuern, Sicherheit und Ordnung

Wie funktioniert kommunale Selbstverwaltung? Wie wird ein Haushaltsplan erstellt? Wie wird Demokratie auf lokaler Ebene gelebt? Bayan Almarashli und Ahmed Al Hamoud betraten Neuland. Sie verbrachten zunächst acht Monate in der Hauptverwaltung, im Fachbereich Finanzen, Beteiligungen und Steuern, im Fachbereich Sicherheit und Ordnung sowie im Büro der Gremien. Für die verbleibenden vier Monate suchten sie sich selbst ein Arbeitsgebiet aus. „Jede Abteilung hat ihren eigenen Zugang zur Arbeit und dadurch habe ich viel gelernt.“ Natürlich gab es anfangs sprachliche Hürden, meint Bayan Almarashli, aber wenn man wirklich interessiert sei, „dann gibt es keine unüberwindlichen Herausforderungen“.

Am besten habe es ihr in der Finanzabteilung gefallen. Zu sehen, wie ein städtischer Haushaltsplan funktioniert, was die Stadt zahlt und wie das Finanzwesen organisiert ist, fand sie sehr interessant. Ihre anfängliche Scheu konnte sie schnell überwinden. “Zuerst war ich etwas unsicher, wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf mich, eine Geflüchtete aus Syrien, reagieren würden. Aber alle waren sehr hilfsbereit und haben mir geduldig meine Fragen beantwortet.“

Außenansicht des Rathauses von Maintal
Rathaus von Maintal. Foto: Stadt Maintal
Ahmed Al Hamoud sitzt an seinem Schreibtischim Büro der Gremien und schaut auf den Computerbildschirm
Ahmed Al Hamoud an seinem Schreibtisch im Büro der Gremien. Foto: Stadt Maintal

Kulturelle Unterschiede verbinden - Lernerfahrungen auf beiden Seiten

Eine erste Skepsis in der Verwaltung gegenüber den beiden Geflüchteten mit so einem ganz anderen kulturellen Hintergrund verflog schnell. „Es war eine große Bereicherung zu sehen, wie beide sinnvoll zur täglichen Arbeit beitragen und eigene Ideen einbringen“, freut sich Verena Strub, die Integrationsbeauftragte der Stadt Maintal. Das seien wichtige Lernerfahrungen für die Verwaltung. Sie ist daher sehr zufrieden mit dem Verlauf des Projektes. „Ich hatte nicht gedacht, dass das Projekt so gut funktioniert“. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Verwaltung seien begeistert vom Engagement und den Kenntnissen der beiden syrischen Auszubildenden.

So konnten beide Seiten viel über kulturelle Unterschiede lernen. Für Ahmed Al Hamoud war es ungewohnt, dass es in Deutschland sogar eine Steuer für Hunde gibt und man auch für Gräber auf dem Friedhof zahlen müsse. „Das kannte ich aus Syrien nicht.“ Aber besonders habe ihn beeindruckt, im Büro der Gremien zu erleben, wie Demokratie auf lokaler Ebene funktioniert, wie die Stadtverordnetenversammlung diskutiert, wofür die städtischen Gelder ausgeben werden. „Das gibt es in Syrien nicht. Bei uns haben die Menschen Angst, ihre Meinung frei zu äußern.“ Ahmed Al Hamouds Engagement hat auch Ingo Reuhl, Leiter des Büros der Gremien beeindruckt. „Seine sprachlichen Fähigkeiten nach nur drei Jahren in Deutschland finde ich bemerkenswert“, stellte er fest. Im persönlichen Kontakt sei ihm auch das Schicksal der Geflüchteten nochmal näher gerückt.

Neue Perspektiven durch globales Engagement

Ahmed Al Hamoud und Bayan Almarashli sind beide nicht nur glücklich, nach jahrelangem Leben im Wartestand endlich beruflich aktiv werden zu können. Sie wollen ihrer Heimat beim Wiederaufbau helfen, sobald es die politische Lage zulässt. Wie ihr Beitrag einmal genau aussehen wird, können sie jetzt noch nicht absehen. Sie hätten aber wichtige Kompetenzen erworben, um Projekte anzugehen und Strukturen aufzubauen, meint Ahmed Al Hamoud. Und Bayan Almarashli sieht sich als Mittlerin zwischen den Kulturen. „Wir kennen jetzt beides, Deutschland und Syrien.“

Für Maintal bedeutet das Projekt den Einstieg in globales Engagement. Ansätze dazu gab es bereits vorher. Ende 2017 hatte die Stadtverordnetenversammlung beschlossen, dass Maintal sich um den Titel Fairtrade Town bewirbt. Die hessische Kommune stellt sich ihrer globalen Verantwortung.

Maintal aus der Vogelperspektive: Fluss im Vordergrund, dann die Stadt, dann das Land
Maintal aus der Vogelperspektive. Foto Stadt Maintal