skip to main content

Die Coronakrise trifft alle, aber nicht alle gleich

Die Lage in den IKKN-Partnerländern Libanon, Jordanien und der Türkei

Zwangsläufig ist auch die Initiative „Kommunales Know-How für Nahost“ von der Pandemie betroffen, da Besuche und Entsendungen vorerst abgesagt werden mussten. Aber trotz der erschwerten Bedingungen gibt es auch positive Beispiele - wie das der Kommune Heimenkirch, die den Austausch mit ihren libanesischen Partnern kurzerhand virtuell statt persönlich fortsetzt und aktuell ein Online-Event plant, um die Inhalte der Delegationsreise nachzuholen.

Jordanien

Die Reaktion des haschemitischen Königreichs erfolgte vorbildlich und aus Angst vor rascher Verbreitung wegen der dichten Besiedlung sehr schnell. Bereits am 10. März als es „nur“ ein paar Dutzend COVID 19-Fälle in Jordanien gab, wurden die Grenzen und vier Tage später auch Moscheen, Schulen sowie die gastronomischen Einrichtungen geschlossen. In Jordanien wurde eine der härtesten Ausgangssperren weltweit verhängt, denn wer sich (ohne Sondererlaubnis) außerhalb seiner Wohnung aufhält, dem drohen bis zu einem Jahr Gefängnis und die Kontrollen sind streng. Drei Tage lang durften die Menschen das Haus nicht verlassen. Mittlerweile ist es erlaubt zwischen 10 und 18 Uhr Einkäufe zu Fuß zu erledigen und es wurde über eine App ein Lieferservice eingerichtet. Trotz Engpässen ist die Grundversorgung gesichert. Für Kinder und Jugendliche wird der Unterricht durch e-learning-Angebote fortgesetzt und sogar nationale TV-Sender zur Übertragung genutzt. Im Fernsehen werden auch die Freitagsgebete ausgestrahlt und die Gläubigen werden dieses Jahr den am 24. April beginnenden Ramadan zuhause verbringen müssen.

Aktuell ist durch die Pandemie aber nicht nur die Gesundheit der Menschen gefährdet, sondern auch die Pressefreiheit, da beispielsweise in Jordanien der Druck von Zeitungen eingestellt wurde, was mit der Gefahr einer Verbreitung des Virus begründet wurde. Zudem treffen die Prognosen einer wirtschaftlichen Rezession (aktuell mit 4% so gravierend wie zuletzt 1989) - wie weltweit auch - besonders schwer die Millionen Beschäftigten im informellen Sektor.

Libanon

Anfang 2020 fanden im Libanon noch Proteste gegen staatliches Versagen sowie die grassierende Korruption statt und es wurde eine neue Regierung gebildet. Zudem hatte die libanesische Bevölkerung zuletzt nur äußerst beschränkt Zugang zu Bargeld. Im März musste der Libanon bekanntgeben, dass er erstmals seine Kredite nicht mehr bedienen konnte. Auch aktuell demonstrieren auf Beiruts Straßen die Menschen mit Autokorsos.  

Die angespannte wirtschaftliche Situation führte bereits in den letzten Wochen vor der Pandemie zu einer Verdopplung der Nahrungsmittelpreise. Dies trifft genau wie Corona die Ärmsten der Armen am allerstärksten. Zudem ist das öffentliche Gesundheitssystem marode, denn die Kliniken sind so schlecht ausgestattet, dass das teilweise seit Monaten nicht bezahlte Personal selbst Masken herstellen muss und lediglich ein paar hundert Beatmungsgeräte vorhanden sind.

Ende Februar ordnete die Regierung die Schließung der Bildungseinrichtungen an und am 6. März folgten die gastronomischen Betriebe sowie Sehenswürdigkeiten. Am 15. März wurde der nationale Gesundheitsnotstand erklärt, was mit der vorübergehenden Schließung der Landesgrenzen sowie weiterer Teile des öffentlichen Sektors sowie privater Unternehmen einherging. Lediglich Schlüsselinstitutionen, Krankenhäuser, Apotheken und Supermärkte sind noch geöffnet. Am 26. März wurde dann eine Ausgangssperre zwischen 7 Uhr abends und 5 Uhr morgens verhängt.

Türkei

Die Türkei ist zahlenmäßig am stärksten vom Coronavirus betroffen. Der erste bestätigte Fall einer Infektion wurde in der Türkei erst am 11. März und damit vergleichsweise spät gemeldet. Jedoch wird vermutet, dass es auch zuvor eine große Dunkelziffer an Erkrankten gab.

Inzwischen wurden in 31 Städten und Provinzen Ausgangssperren (insbesondere an den Wochenenden) und Reisebeschränkungen verhängt. Seit dem 21. März besteht eine Ausgangssperre für über 65-Jährige, chronisch Kranke und unter 20-Jährige. Außerdem ist das Tragen einer Schutzmaske in der Öffentlichkeit (z.B. beim Einkaufen) verpflichtend. Der internationale Flugverkehr wurde ausgesetzt und die wirtschaftliche Lage ist angespannt, was insbesondere die wichtige Tourismus-Branche trifft. Es wird mit einem Anstieg der ohnehin hohen Arbeitslosenzahlen gerechnet.

Die Lage an der türkisch-griechischen Grenze ist angespannt. Als Vorsichtsmaßnahme wurden die provisorischen Zeltlager geräumt und die Geflüchteten wurden in andere Flüchtlingslager verteilt. Aus dem Küstenort Ayvacik wird berichtet, dass Geflüchtete nicht mit Essen und Trinken versorgt werden und keine Unterkünfte besitzen. Es besteht die Gefahr, dass die Flüchtlingsfrage durch die Coronakrise politisch missbraucht wird, wenn die Aufnahme von Geflüchteten mit der Begründung die Pandemie eindämmen zu wollen, verweigert wird.

Mitte April hat die Regierung ein Gesetz verabschiedet, welches die Haftstrafen von bis zu 90.000 Gefangenen in der Türkei in Hausarrest umwandeln soll. Man befürchtet ansonsten einen Ausbruch von COVID-19 in den Haftanstalten. Politische Gefangene sollen allerdings nicht entlassen werden, wie Menschenrechtsgruppen kritisierten. Außerdem wurden in den letzten Wochen Menschen festgenommen, die das Krisenmanagement der türkischen Regierung in sozialen Netzwerken kritisierten.

Ausblick

Die strengen Auflagen wirken, denn die meisten Städte insbesondere in Jordanien und Libanon sind wie leergefegt. Dadurch scheint aktuell eine Trendwende beim Anstieg der Neuinfektionen vorsichtig absehbar zu sein. Für unsere Partnerländer Jordanien, Libanon und die Türkei zeigt die nachfolgende Tabelle den aktuellen Stand vom 23.4. (allerdings mit Unsicherheiten hinsichtlich der statistischen Genauigkeit) zu COVID-19 auf:

 

Jordanien

Libanon

Türkei

Einwohnendenzahl

ca. 10 Mio.

ca. 6 Mio.

ca. 82 Mio.

Zahl der Infizierten

435

682

98.674

Zahl der Genesenen

315

113

16.477

Todesfälle

7

22

2.376

Durchgeführte Tests

35.000

22.853

750.944

Quellen:
Libanon https://corona.ministryinfo.gov.lb/,
Jordanien https://corona.moh.gov.jo/en/MediaCenter/1095,https://corona.help/country/jordan,
Türkei https://covid19.saglik.gov.tr/

Dennoch bleibt die Befürchtung vor einer Überforderung der medizinischen Systeme in den Partnerländern bestehen. Insbesondere in den Flüchtlingslagern, wo beispielsweise in Zaatari (Jordanien) knapp 80.000 Geflüchtete aus Syrien auf engsten Raum leben, könnte die Verbreitung des Virus ein Massensterben bedeuten. Geflüchtete zählen zu den vulnerabelsten Mitgliedern einer Gesellschaft. Am 21. April wurde im Wavel Lager (Ostlibanon) der erste COVID-19 Fall bestätigt. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass die Eindämmung schnell und erfolgreich gelingt und keine weiteren Infektionen in den Flüchtlingslagern der Region auftreten.

Eine Schattenseite ist der weltweite Anstieg häuslicher Gewalt durch die Ausgangssperren. Die Vereinten Nationen geben an, dass sich bereits jetzt in einigen Ländern die Fallzahl im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verdoppelte.  

In diesen Zeiten ist internationale Solidarität umso wichtiger und gerade Kommunen spielen eine besondere Rolle im gegenwärtigen Krisenalltag (z.B. bei der Desinfektion von öffentlichen Gebäuden und Straßen oder der Einrichtung von Checkpoints zur Kontrolle der Körpertemperatur) sowie dabei, die massiven Folgen der Krise abzufedern.

Lesetipp:

Woertz, Eckart: COVID-19 im Nahen Osten und in Nordafrika: Reaktionen, Gefährdung, Perspektiven. In: GIGA Focus Nahost.

Weitere Meldungen